Sie sind hier: Reiseberichte / Reise Ostpreußen 2003
Donnerstag, 21. September 2017

Heimat ist in dir oder nirgendwo!
H. Hesse

Reise in die Heimat vom 22.04. bis 01.05.2003
Heiligenbeil, BALGA, Königsberg, Pillau und Rauschen

von Eva Droese - Kiel

Beim Kreistreffen in Burgdorf im September 2002 machte ich meinen Getreuen (sie sind fast immer mit mir gefahren) den Vorschlag, doch noch einmal mit einer größeren Gruppe, unseren Schulfreunden, die Heimat zu besuchen. Wir wollten diese Rei­se aber im Frühjahr antreten, damit wir uns ohne Baumbelaubung besser zurechtfinden. Unser Kirchspielvertreter Günter Neumann-Holbeck war sofort dabei und Herr Hübner von „Partner-Reisen“ Hannover, den wir von früheren Reisen kennen, machte uns ein Angebot. Leider gibt es keine Direktflüge, eventuell über Warschau mit Übernachtung, aber dazu hatten wir keine Lust.

Wir wählten nun wieder den län­geren, aber schöneren Weg über Memel, dem jetzigen Klaipeda. Wir kennen diese Route von früheren Fahrten. 1991, nach Öffnung der Grenze, konnte ich mit meinem Mann noch ungehindert über die russische Grenze nach Litauen. Diese abenteuerliche Fahrt über Warschau und durch Weißrußland (Brest a. Bug), tagelang, werde ich nicht vergessen. Heutzutage ist es einfacher die Heimat zu besuchen.

Doch zurück zu den Planungen. Günter N.-H., ich kürze den Namen ab, rührte nun die Werbetrommel im Kirchspiel und seinem großen Verwandten- und Bekannten­kreis. 17 Balgaer sagten zu, zum großen Teil Schulfreunde - fast alle zwischen 75 und 83 Jahre. Es waren aber auch junge Leute dabei, die als Kleinkinder Balga ver­lassen mußten. Diese Reise, sie war auch im Ostpreußenblatt ausgeschrieben, fand ein großes Echo. Zum Schluß war es eine Reisegruppe von 48 Personen. Sie hätte nicht größer sein dürfen; denn die Kapazität der beiden Heiligenbeiler Hotels war restlos ausgeschöpft.

Neu war bei dieser Reise auch, daß wir entweder mit dem Schiff von Kiel oder aber mit dem Flugzeug von Hamburg reisen konnten. Die Hälfte der Balgaer wollte mit dem Schiff fahren. Wir wollten reden und erzählen und auf dem Schiff ist die Möglichkeit dazu gegeben. Insgesamt waren wir 26 Schiffsreisende und 22 Fluggäste. Da ich hier in Kiel wohne, war es klar, daß sich meine Freunde bei mir sammelten, ihre Wa­gen unterstellten und wir gemeinsam mit mehreren Taxen zum Ostuferhafen fuhren. Herr Hübner schickte mir, nach Rücksprache mit Günter, die Pässe und Reiseunter­lagen zu, und ich dachte mir nichts dabei. Es kam dann doch Einiges auf mich zu. Dank aller freundlichen Mitreisenden, und das möchte ich besonders betonen, ist dann alles einiger­maßen über die Bühne gegangen.

 

22.04.2003 - Dienstag

Wir sammelten uns bis 13:00 Uhr im Gebäude der Litauischen Lisco-Reederei im Ostuferhafen in Kiel. Dort händigte man mir für 26 Personen die notwendigen Unterlagen aus. Wir mußten rüber zum Zoll, wo unsere Pässe eingesehen und die vorliegenden Listen abgehakt wurden. Unser Gepäck hatten wir in dem Gebäude gelassen. Nun ging alles sehr schnell. In kleinen, wendigen Shuttle-Bussen wurden wir nacheinander auf die Fähre gefahren, welche in einiger Entfernung zu sehen war. Sie wurde erst vor 2 Wochen für diese Route eingesetzt, als Ersatz für die ältere, kleinere Fähre, die jahrelang diesen Törn fuhr. Diese Fähre ist größer und schneller, es befinden sich 5 Autodecks darauf, und sie hat Platz für 300 Personen. Sie gehört der dänischen Scandlines Reederei.

Ich war doch erstaunt, daß der Bus die ziemlich steile Rampe hinauffuhr. Wir waren auf dem ersten oberen Deck, auf dem sich die Rezeption befand. Hier teilte man uns die Kabinen zu. Wieder ein kleines Problem wegen der Kabinen, aber dann ent­deckten wir (Sigrid war mir sehr behilflich), daß bei den kleinen, gleichaus­sehenden Karten (Essenmarken) auch die Karte für die Fährpassage und Zuteilung der Außenkabinen dabei war.

Inzwischen war es 14:30 Uhr, wir richteten uns ein, sondierten die Aufenthaltsräume und den Speiseraum. Pünktlich um 15:00 Uhr legte das Schiff bei strahlendem Sonnenschein ab.

Wir ließen die Skyline von Kiel an uns vorüberziehen, passierten Laboe, schauten nach Schilksee hinüber, und bald waren wir auf offener See. Ich glaube, wir waren alle zufrieden. Das Restaurant wurde geöffnet, wir konnten Kaffee und Kuchen bestellen, und auch ein Schnäpschen tat manchem nach all der Aufregung gut. Um 19:00 Uhr gab es Abendessen. Da die Fähre in der Hauptsache Transportgüter fährt und der Personenverkehr nur am Rande läuft, ist die Ausstattung des Speiseraumes praktisch und spartanisch. Er war sehr groß und geräumig.

Das Essen mussten wir selbst fassen; es war für meine Begriffe ganz gut. Es wurde ein fröhlicher Abend und die anderen Mitreisenden unserer Gruppe, die uns ob unserer Fröhlichkeit und der ostpreußischen Mundart vielleicht etwas skeptisch beobachtet haben, wurden zugänglicher. Sie hatten Verständnis für uns Balgaer, denn wir hatten uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen. Die Nacht verlief ruhig, wir hörten kaum die Motoren.

 

23.04.2003 - Mittwoch

Wir begrüßen morgens den neuen Tag. Das Wetter ist gut, nur etwas kühl. Es wurde ausgiebig gefrühstückt, später schlenderten wir über Deck, fanden windstille, sonnige Winkel und genossen die Fahrt. An ungeschützten Stellen wehte es tüchtig. So gegen 11:00 Uhr sahen wir die Silhouette von Memel. Wir kamen näher und sahen die Kräne und Hafenanlagen. Etwas wehmütig dachte ich zurück an früher, als unsere Väter noch die Häfen befahren haben. Memel war auch uns Kindern ein Begriff; denn der größte Teil der männlichen Einwohner von Balga fuhr zur See.

Unser Schiff fuhr in den Hafen ein, pünktlich um 12:00 Uhr legten wir an. Wir wurden von einer netten litauischen Reiseleiterin empfangen. Der Bus brachte uns mit unserem Gepäck zum Hotel »Klaipėda«, wo wir übernachten sollten, um am nächsten Tage die Fluggäste abzuholen. Nachdem wir uns ein wenig erfrischt hatten, war eine Stadtrundfahrt angesagt.

Kurz zu Memel: Die Stadt hat zur Zeit 94.000 Einwohner, vordem waren es etwa 200.000. Die Hafenanlagen umfassen 4 Häfen - Öl-, Fisch-, Fähr- und Handelshafen. Memel ist die drittgrößte Stadt des jetzigen Litauens. Die Hauptstadt ist Vilnius, das frühere Wilna. Erstaunlicherweise hat Memel eine geringe Arbeitslosenzahl von nur 7%. Die Währung heißt Lita, 1 Euro = 32 Lita. Memel hat seinen Charakter etwas bewahrt, die Stadt ist nicht so verändert wie Königsberg. Man sieht noch alte Speicher, das »Ännchen von Tharau« und sehr viel alte Bauten.

Durch unglückliche Umstände versäumte unser Emil mit Udo die Stadtrundfahrt. Da uns der nächste Vormittag noch zur Verfügung stand, haben Bärbel und ich dem Udo noch einige markante Punkte in der Stadt zum Filmen zeigen können und es war alles wieder gut.

Im Hotel »Klaipėda« erhielten wir ein gutes Abendessen. Für den weiteren Abend durften wir zum Gläschen Wein an unserem Tisch bleiben. Der Kellner, etwas deutsch sprechend, schenkte gerne ein. Es gesellten sich später die beiden liebens­werten Berliner Damen, Sigrid und Inge, dazu. Es war einer der fröhlichsten Abende überhaupt.

 

24.04.2003 – Donnerstag

Nach dem reichhaltigen Frühstücksbüfett erkundeten wir noch einmal die Stadt. Ich erhandelte 2 sehr schöne Bernsteinstücke. Obwohl ich jedes Jahr neue kaufe, kann ich es nicht lassen. Um 11:30 stand unser Gepäck bereit, und pünktlich um 12:00 Uhr traf unser Bus ein, der uns nach Polangen zum Flugplatz und danach nach Heiligenbeil bringen sollte. Unsere Reiseleiterin war Tanja, ich kannte sie bereits von der 750-Jahrfeier in Heiligenbeil 2001. Nachdem das Gepäck verladen war, fuhren wir zum Flugplatz Palanga, dem früheren Polangen, einem besonders beliebten Badeort; er liegt etwa 50 km von Memel entfernt.

Wir waren früh dort und mußten eine Stunde warten; denn das Flugzeug landete um 13:30 Uhr. Auch unsere Uhren mußten wir eine Stunde vorstellen, zeitgleich mit Rußland. Es gab eine freudige Begrüßung mit unseren fehlenden 8 Balgaern. Gleich darauf ging es zurück nach Memel zur Fähre, die uns um 14:30 Uhr über das Memeler Tief (400 m breit) zur Kurischen Nehrung übersetzte.

Vor uns lagen noch mehr als 150 km bis Heiligenbeil, ein weiter Weg. Die Nehrungs­straße war gut ausgebaut, wir konnten bei der Fahrt alles Schöne in uns aufnehmen, aber ein Elch zeigte sich leider nicht!

Die Nehrung mißt von Sandkrug bis Cranz et­wa 100 km. An der schmalsten Stelle bei Sarkau ist sie nur 400 Meter breit und an der breitesten 3,5 km. Die Dünen sind hier bis zu 60 m hoch. Auf dem litauischen Teil der Nehrung befinden sich die auch früher gern besuchten Kurorte: Sandkrug, Schwar­zort und Nidden. Zur Zeit wohnen auf der gesamten Nehrung etwa 2.000 Menschen, und es befinden sich 8 Ortschaften auf diesem schmalen Landstrich, 5 auf der litauischen und 3 auf der russischen Seite.

Dieser Landstrich ist ein Kleinod. Die Einzigartigkeit der Landschaft zog früher, als es noch unser Land war, besonders Künstler an, Maler und Schriftsteller. Thomas Mann baute sich hier sein Sommerhaus. Hier schrieb er auch das Buch „Josef und seine Brüder“. Seit 1987 ist die Kurische Nehrung zum Nationalpark erklärt und eine Attraktion für Naturbegeisterte, sie wird auch »Ostpreußische Sahara« genannt und hinterläßt einen unaus­löschlichen Eindruck in der Seele eines jeden Besuchers. Sie ist reich an Flora und Fauna und seit 2000 in der Weltliste der UNESCO. Kiefern, Birken und Fichten, aber auch Eichen, Linden, Buchen und Ahorn prägen die vielseitige Vegetation. Vielseitig ist auch die Tierwelt: Elche, Rehe, Hirsche, Wildschweine, Dachse, Füchse, Biber und andere Tierarten kann man dort finden.

Die Kurische Nehrung ist eine Vogelbrücke zwischen Norden und Süden. Millionen verschiedenster Zugvögel suchen hier im Frühjahr und Herbst ihren Weg. Die Vogelwarte Rossitten ist am 01.01.1901 von Johannes Thienemann gegründet worden. Bereits seit 1896 beobachtete er den Zug der Vögel. Er war kein Ostpreuße. Die Vogelwarte Rossitten wurde nach dem Krieg nach Radolfzell verlegt. Auch auf Helgoland und Hiddensee sind amtliche Zentralen für die wissenschaftliche Vogelberingung.

 

Traurig könnte man sagen: Es war ein Land...

Inzwischen kamen wir bei schönem Wetter an die litauisch-russische Grenze in der Hoffnung, bald abgefertigt zu werden, um noch einen längeren Halt in Rossitten zu machen. Wir mußten 2 Stunden warten und konnten um 18:00 Uhr unsere Fahrt fortsetzen. Für Rossitten blieb nur noch eine kurze Pause; es waren leider nur wenige Vögel in den Netzen.

Unser Weg war noch weit, um 20:30 Uhr waren wir endlich in Heiligenbeil am Hotel „Zur Brücke“. Die andere Gruppe fuhr etwas weiter zum Hotel „Villa an der Grenze“.  Wir konnten gerade unser Gepäck aufs Zimmer schaffen und um 21:00 Uhr gab es Abendessen. Wir waren alle müde, aber nach dem Essen wurden wir wieder munter. Es wurde ein gemütlicher Abend. Als ich in mein Zimmer kam, war ich doch überrascht. Es war sauber, das Bett war gut, das Badezimmer war in Ordnung, es fehlte nichts.  Daß aus dem Gerippe der alten Ordensmühle dieses Hotel entstanden ist, ist für Heiligenbeil eine Bereicherung.  Wir sind nun näher an unseren Heimatorten. Wie hätte sich mein Walter - als Heiligenbeiler darüber gefreut.

 

25.04.2003 - Freitag

Ein schöner Tag erwartet uns, die Sonne scheint und wir frühstücken, wenn auch etwas russisch, denn wir wollen nach Balga. Kaffee gab es an diesem Morgen nur eine Tasse, danach Tee, und soweit ich mich erinnere, ein süßes Brötchen; aber ich bat um Brot u. Butter, auch Marmelade gab man uns. Günter hat sofort dafür gesorgt, daß wir ab dem nächsten Tag reichlich Kaffee bekamen.

Das russische Frühstück ist gewöhnungsbedürftig, aber man kann nicht erwarten, daß man praktisch auf dem Lande westliche Küche vorfindet. Sie sind ja lernfähig, daß hat man doch an dem Hotel gesehen.  Die Mädchen, die uns bedienten, waren durch die Sprachschwierigkeiten verunsichert und wirkten vielleicht zurückhaltend. Nicht jeder Gast denkt daran, daß es leider, leider nicht mehr unsere Heimat ist. Ich bin dankbar, daß ich seit 1991 immer wieder hinfahren kann.

Nun soll es nach Balga gehen. Tanja hat genügend Taxen für uns bestellt. Für die anderen Mitreisenden ist eine Fahrt durch den Kreis angesagt. Günter fährt mit dem Bus, aber am nächsten Tag ist er mit seinem Familienclan  (13 Personen)  ab der Balgaer Chaussee zu Fuß nach Follendorf marschiert. Er hat endlich die Grundmauern gefunden, die er im Sommer nie entdecken konnte.

Mit mehreren Taxen fahren wir Richtung Balga, es sind vielleicht 15 km. Zu unserer Freude kamen Sigrid und Inge auch mit. Sigrid hat eine von ihrem Vater akribisch erstellte Ahnentafel bei sich. Es handelt sich um den Namen Korn und den Namen Weinreich, die ihren Ursprung in Balga haben. Sigrid wollte auf den Spuren ihrer Ahnen wandeln. Es stellte sich heraus, daß Bärbel und Alfred auch zu ihrer Verwandtschaft gehören. Bei näherer Betrachtung sind wir fast alle mit ihr verwandt, ich vielleicht auch, denn in der Linie meiner Großmutter soll sich auch der Name KORN finden.

Wenn ich BALGA nenne, muß ich auch meine Freunde namentlich aufführen, denn für sie insbesondere schreibe ich diese  Reiseerinnerung. Sie waren aus verschiedenen Orten der Bundesrepublik angereist und haben Strapazen auf sich genommen, nur, um miteinander zu Hause zusammen zu sein.

Ellinor Rossmann, geb. Bellgardt aus Hamburg
Eva Kück,  geb. Liedke aus Bremen
Edith Rümmler, geb. Schwill mit Sohn aus Zeulenroda und Lorch/Schwarzwald
Bärbel Moll, geb. Korn aus Schwerin
Alfred Basmer, (Königsberger) aus Essen, aber in Balga zu Hause
Emil Rehberg (81 J.) mit Sohn Udo aus Höxter
Fredi Müller mit Frau Gerda aus Herrenberg bei Stuttgart
1. Vors. des Balgaer Fördervereins, Buchautor des Buches „BALGA“
Elfriede Uerpmann, geb. Gehder  mit Tochter Petra aus Altenau und Düsseldorf
Sigrid Petzold, geb. Korn aus Berlin, „Balgakind“
Ingeborg Lawrenz aus Berlin, Freundin von Sigrid

19 Personen, die wir nun nach Balga fahren, die Abzweigung von der Reichsstraße 1 bis zum Schrangenberg. Die fehlende Belaubung der Bäume läßt die Sonne hin­durch. und der sonst so düstere Hohlweg ist hell und freundlich. Wir überqueren die Bahnlinie, sehen weiter links den von den Russen erbauten Bahnhof und sind auf der Straße nach Balga. Welch ein Erstaunen!! Die zu eng gewordene Straße mit den herabhängenden Ästen, die keinen Bus durchließen, ist durch Abholzen der Bäume und des Wildwuchses verbreitert worden. Es wurde fleißig gearbeitet, gerodet und gebrannt, wenn auch die großen Schlaglöcher noch nicht beseitigt waren.

Die linke Straßenseite sah ganz ordentlich aus, es ist doch ein Anfang gemacht worden, wenn man dazu auch 57 Jahre gebraucht hat! Der Weg nach Balga stimmt mich immer traurig, denn von unserer wunderbaren Birkenallee sieht man nur noch vereinzelnd einige zerstörte Baumstümpfe. Nun sind wir auf Bennos Auffahrt und stehen vor den Resten unseres Elternhauses. 

BALGA
Der erste Weg geht zu Nina, die hier alleine in Balga mit ihrem Sohn in meinem Elternhaus wohnt. Es gibt in Balga nur dieses eine bewohnbare Haus, das Gerlach'sche gegenüber wird zur Zeit von der Kriegsgräberfürsorge genutzt, darin halten sich deren Mitarbeiter auf. Es werden seit einiger Zeit Umbettungen (aus den Massengräbern der Umgebung) vorgenommen, weil in absehbarer Zeit an der Kirche zu Balga ein Kriegsgräberfriedhof eingerichtet werden soll.

Wenn ich nun das einst schöne Anwesen sehe, kann ich die Tränen nicht zurückhalten: Alles ist verkommen. Sah es 2001 etwas hoffnungsvoller aus, so sieht man nun wieder den alten Zustand, aber Nina ist arm, der Mann verstorben, wie sollte sie dieses große Grundstück bearbeiten!

Wie ich schon in einem meiner frühe­ren Berichte erwähnte, war es das Doppelhaus der Gebrüder Albert und Franz Höpfner. Zu jeder Hälfte gehörten 2.500 Quadratmeter Land. - Wie schön war hier meine Kindheit, wie glücklich war ich bei meiner Hochzeit 1943. Meine Mutter hegte und pflegte das Haus und den Garten mit den unzähligen Obstbäumen, denn Vater war Seemann und oft unterwegs. Jetzt erkenne ich vielleicht 2 Bäume davon, alle anderen sind verbrannt und abgeholzt. Leider konnte mein Vetter Benno aus gesundheitlichen Gründen an dieser Reise nicht teilnehmen, aber wir waren 1991, gleich nach Öffnung der Grenze, gemeinsam hier.

Doch nun zu Nina: Sie ist außer sich vor Freude, als wir alle kommen. Alle bringen wir ihr Geschenke und Geld. Als die ersten, die Balga durchstreift haben, zurückkommen, hat sie schon ihre Plinis (kleine Mehlpfannkuchen) gebacken. Sie bewirtet jeden der kommt, und wir sind dankbar, daß wir kommen dürfen! Fredi und Gerda haben zu Nina ein besonderes Verhältnis, sie sind schon an die 40 Mal in Balga und bei ihr gewesen, und Nina war schon Fredis Gast in Deutschland.

Nun treibt uns die Unruhe. Wir müssen ins Dorf und zum Haff. Fredi führt uns, er kennt das zerstörte Balga besser als alle anderen. Mit uns geht Bärbel, Sigrid und Inge, alle anderen haben sich verteilt. Wir gehen zu den Haffbergen, dem sogenannten Freizeitzentrum der Russen

Im Sommer; denn im Winter ist Balga tot. Hier stehen einige Ferienhäuser, aber wir können in das eingezäunte Gebiet. Dank Fredi finden wir den Brunnen, die frühere Dorfpumpe, welche in der Nähe der Anwesen von Schröders, Böhms und Tolkmits stand.

Nun wissen wir, wo wir sind und in Gedanken erscheinen plötzlich alle Häuser, die hier standen und die Fredi uns anhand von Grundmauerstücken, die wir nun ohne Belaubung sehen können, benennt. Traurig sieht es aus. Wir kriechen zwischen Stücken von Grundmauern, Ziegeln, umgestürzten Bäumen und wildem Gestrüpp herum und suchen und suchen. Wie kann ein Dorf nur so zerstört sein?

Nun gehen wir den Hohlweg hinunter ans Haff. Es heißt uns willkommen bei sonnigem Wetter und sanften Wellen. Wie haben wir Kinder das Haff geliebt! Gefahrlos konnten wir baden und uns von morgens bis abends vergnügen. Dicke Brombeeren haben wir im Sommer suchen können. Der Strand hat sich verändert. Die Eisberge, die es in diesem harten Winter wieder gegeben hat, haben eine hohe Schicht Seesand aufgeschoben. Wir sehen wieder die flacher gewordenen Haffberge. Der Kiefernwald wurde bei den letzten Kämpfen im März 1945 zerstört, nur ab und zu grüßt uns eine windzerzauste Kiefer.

Nun sind wir auf der Höhe der Quelle, an der wir Kinder uns im Sommer den Durst stillten. Traurig stelle ich fest, daß sie nicht mehr fließt, aber Fredi geht mit mir in den Steilhang und da gluckert sie mir entgegen, klar wie einst, sie hat nur den Verlauf verändert. Anstatt ins Haff, fließt sie jetzt seitlich in den schilfigen Boden und als ich genau hinsehe, schlängelt sich eine schwarze Schlange hindurch. Wir gehen weiter und erkennen den Aufgang zur Strandhalle. Der steile Weg, der durch den Wald weiter hinauf ins Dorf führte, verzweigte sich hinter der Strandhalle. Er führte an Knorrs und Höpfners Haus vorbei am Turnplatz und Katzenteich bis hin zur Straße; er ist nicht mehr für jeden begehbar.

Große, umgestürzte Bäume versperren alles. Weiter gehend können wir den tiefen Einschnitt der alten Gruft sehen. Sie ist uns allen ein Begriff. Wir sehen die Hänge des Friedhofs- und Burggeländes. Dann noch ein langer Blick über unser Haff, und wir klettern langsam den Cauersteig hinauf zur Burg. Der Förderverein hatte hier einen guten Aufgang zur Burg legen lassen, aber die Treppen sind beschädigt. Auch das Geländer ist weg. Wir halten einander fest und quälen uns hoch. Das so vertraute Burggelände ist überall verschmutzt mit Plastikmüll, Unrat und abgebrannten Feuerstellen. Leider findet man diesen Müll auch in großen Mengen am Strand. Schade, die ersten Jahre war es nicht so schlimm.

Wir sind nun am Burgturm. Er stand stolz und mächtig und schaute über das Land.

Man hat ihn zerstört und seine abgerissenen, zerfetzten Mauern sehen uns klagend an. Ich wende mich ab, es tut weh, diesen geschundenen Turm anzusehen. Der Verfall und die mutwilligen Zerstörungen nach 1991 haben ihm den Rest gegeben; trotzdem, Fredi will durch Mittel des Fördervereins versuchen, den Verfall aufzuhalten.

Müde gehen wir die einzige Straße, die Dorfstraße, zurück zu Nina. Es gibt Plinis, auch Sekt und Wodka werden angeboten; denn der ehemals stellvertretende Bürgermeister von Königsberg ist da, um Müllers zu besuchen. Fredi hat sehr gute Verbindungen zu den wichtigsten Personen in Königsberg. Wir sind müde von all den Eindrücken und fahren mit unserem Bus zurück, der unsere andere Gruppe zu einem Rundgang nach Balga gebracht hatte und nun wieder nach Heiligenbeil fährt. Wir fahren morgen wieder nach Balga.

Das Programm für heute ist noch nicht zu Ende. In Heiligenbeil gehen wir zu dem sehr gut hergerichteten Kriegsgräberfriedhof. Ich will Fotos für Herrn Rübesahm machen, dessen Bruder schwerverwundet in Heiligenbeil verstorben und dort beerdigt ist.

Wir machen noch eine kleine Stadtbesichtigung bis zum Bahnhof. Ich versuche noch einmal etwas von Walters Elternhaus zu finden, aber keine Spur. Es stand hinter dem Garten des heute noch stehenden Siechenhauses. Selbst die Findlinge der Stadtmauer, an der das Haus stand, sind fort. Das Gelände ist völlig überbaut. Wir gehen zurück zum Hotel, zum Abendessen. Fisch und Kartoffeln schmeckten gut, es hätte etwas Soße dabei sein können.

Bärbel und Evchen kamen aus dem anderen Hotel zu uns, wir saßen fröhlich zusammen. Ellinor, Evchen, Petra und Alfred haben tüchtig das Tanzbein geschwungen. Erstaunlich, wie gelenkig sie in ihrem Alter noch alle waren. Udo und Alfred begleiteten die Mädels zurück zum Hotel, es war stockfinster. Alfred stürzte über einen Kantenstein, war etwas lädiert und verlor auch noch den Zimmerschlüssel. Das war eine Aufregung, mitten in der Nacht. Glücklicherweise haben die beiden Herren Behnert, die auch zurück zu dem anderen Hotel gingen, mit Hilfe einer Taschen­lampe den Schlüssel gefunden. Ich mußte noch Vorbereitungen für den nächsten Tag treffen und meine Schuhe putzen. Um 2:00 Uhr morgens ging ich schlafen.

 

26.04.2003 - Samstag

Ein neuer, wieder sonniger Tag. Wir lassen uns nach dem Frühstück wieder nach Balga fahren. Fredi bleibt zurück, er will von Wolittnick Fische für eine große Fischmahlzeit besorgen und sie bei Nina kochen. Für Aale ist es noch zu kalt, es gibt Zander. Herr Heumann, ein Deutscher, der in Königsberg für die russische Förderation arbeitet, bringt auf Anweisung von Fredi beste Eßwaren für die lange Tafel, die drau­ßen auf unserem Hof aufgestellt wird.

 

Wir sind wieder bei Nina, laden erneut Geschenke ab, und wollen das Dorf weiter erkunden. Dieses Mal gehen wir Richtung Gut. Es ist der Weg, der rechts von der Straße zwischen dem Haus von Hermann Arndt und dem Garten von Erwin Mallien sowie an Minna Reimann vorbei ins Gut führt. Die Häuser sind natürlich nur in unseren Gedanken. Nun versuchen wir die Standorte festzustellen, aber es ist unmöglich, massige Bäume, zum Teil gespalten und verbrannt, stehen und liegen kreuz und quer. Aber manchmal erkennen wir einen markanten Punkt, dann wissen wir wieder wo wir sind. Unser Weg endet an der Gartenpforte des Gutshauses. Zwei Pfosten sind als einzige Zeugen stehen geblieben von diesem riesigen Anwesen.

Der Katzenteich war schon 1991 ausgetrocknet, aber man erkennt die Mulde. Auch hier liegen die Bäume kreuz und quer. Nun sind wir an den Resten der Kirche. Hier wurde mein Vater getauft, konfirmiert und getraut und ich hatte auch dieses Glück. Diese Reste werden immer kleiner, aber es ist alles aufgeräumt. Wie ich eingangs schon erwähnte, sind neue Umbettungen erfolgt. Es sollen zur Zeit etwa 2.000 Tote sein.

Wieder ein trauriger Blick zur Burg, aber wir gehen zu den Grundmauern der Schule. Burg, Kirche und Schule lagen nahe beieinander. Evchen ist bei mir, wir wollen versuchen, von der Friedhofsseite an das großelterliche Grundstück zu kommen. Vor dem Krieg bewirtschaftete Vaters jüngster Bruder das Anwesen. Über Stock und Stein haben wir uns vorgearbeitet, ich hatte soviel Kraft, aber über die querliegenden, dicken Bäume schafften wir es nicht, wir mußten umkehren und stolperten von einem Loch ins andere. Fredi sagte, wir wären in der bereits erwähnten Gruft gewesen. Am nächsten Tag hat er Udo dorthin geführt, sie schafften auch noch die uns fehlende Anhöhe und fanden den Brunnen der alten Holzpumpe, konnten Gehders und andere Häuser bestimmen und brachten Elfriede sogar die Scherbe einer Tasse mit.

Wir fanden uns wieder auf dem Schloßplatz und gingen gemeinsam zum Haff, den Cauersteig abwärts. Es war beschwerlich, aber mit gegenseitiger Hilfe haben wir es geschafft. Das Haff beeindruckt uns immer wieder, wir, Evchen, Inge, Sigrid und Udo sind alleine am Strand. Wir genießen noch einmal die gute Luft, die Stille und hören das beruhigende Plätschern der Wellen. Der Abschied ist schwer, man weiß nicht, ob man wiederkommt und nachdenklich gehen wir den Hohlweg hinauf zum Dorf zu Nina zum Mittagessen.

Es ist 14:00 Uhr. Die auf dem Hof gedeckte Tafel bietet leckeres Essen. Wir essen eine wohlschmeckende Fischsuppe aus Tellern, Tassen und Schüsseln. Jeder wird bewirtet, wir waren weit mehr als 20 Personen. Nina ist dann in ihrem Element. Fredi hatte immer noch die Schürze um.

Alfred, er ist Königsberger, aber Balga war seine zweite Heimat, ist mit Elfriede und Petra an diesem Tag mit dem Zug nach Königsberg gefahren.

Für uns in Balga läuft auch der Zeitplan. Nachdem Nina uns mehrere Male umarmt hat, fahren wir schließlich ab. Fredi und Gerda kommen später.

Nach dem Abendessen beruft Fredi eine Mitgliederversammlung des Fördervereins oben im Bankettsaal (!) des Hotels ein. Wir haben russische Gäste; dabei ist Anatoliy Bachtin, Autor des Buches „Vergessene Kirchen in Nordostpreußen“. Es ist auch im Fernsehen über ihn berichtet worden. Udo hat sein großes Archiv in Königsberg anschauen dürfen. Mit A. Bachtin war auch sein Sohn, der 1998 in Tübingen erfolgreich am Herzen operiert wurde. Fredi Müller, der den Förderverein vor vielen Jahren ins Leben gerufen hat, bleibt 1. Vorsitzender. Herrn Heumann haben wir aus bestimmten Gründen zum 2. Vors. gewählt, weil er vor Ort ist und vielleicht Baumaßnahmen überwachen könnte. Alfred wurde zu unserer Freude neuer Kassenwart. Inge schrieb das Protokoll, weil es Gerda nicht gut ging. Sigrid und Alfred wurden spontan Mitglieder, und so waren wir mit 14 Personen eine große Runde.

Später saßen wir noch im Restaurant, die Musik war laut und fetzig. Aber die jungen Russen wollten tanzen, und da ich direkt neben dem Lautsprecher saß, machte ich mir von kleinen grünen Servietten zum allgemeinen Gelächter Ohrstöpsel, die dann aus den Ohren steckten. Trotz anstrengender Tage waren wir abends immer fröhlich. Morgen früh ist Abreisetag, es geht nach Königsberg. Es ist spät, ich bin in meinem Zimmer und denke noch einmal über alles Erlebte nach. Ich denke wieder an Balga, mein geliebtes Heimatdorf, was hat man ihm angetan!

BALGA
Traum meiner Kindheit, 700 Jahre deutsche Geschichte,
zerstört, blutgetränkt, ausgelöscht

 27.04.2003 - Sonntag

Sonntag früh fuhren wir von Heiligenbeil nach Königsberg, unserem nächsten Ziel. Hier sollten wir im Hotel „Moskau“ die letzten Tage verweilen. Das Wetter - bisher sehr gut - war trübe. Wir machten vorher noch einen Abstecher zur Katharinenkirche in Arnau. Sie wurde 1320 erbaut. Sie ist noch eine Baustelle, aber durch die Hilfe des Kuratoriums Arnau e.V. und des russischen Kultusministeriums in Moskau, schreitet die Restaurierung voran.

Bei strömendem Regen kamen wir um die Mittagszeit im Hotel an. Es wirkte etwas vornehm mit der großen Halle und dem Marmorfußboden. Die Zimmerverteilung ging schnell, und ich hatte das Glück, ein besonders schönes Zimmer zu bekommen. Doch die Freude währte nicht lange. Tanja machte mir klar, daß dieses Zimmer der Boss der Fußballmannschaft am 29.04. beziehen würde. Als ich zögerte, wurde leichter Druck ausgeübt. Man bot mir 2 andere Zimmer zur Auswahl an, aber nicht vergleichbar mit dem ersten. Ich wollte Tanja keinen Ärger machen und habe mich gefügt. Voll Sehnsucht dachte ich an mein Zimmer und gutes Bett in Heiligenbeil im Hotel »Zur Brücke«.

Abends trafen wir uns alle bei Evchen, die ein sehr großes Zimmer bekommen hatte, und wir konnten unsere geselligen Abende fortsetzen. Wir waren alle zu sparsam, um den Abend im Restaurant zu verbringen. Ich hatte allerdings an beiden Abenden Besuch. Die russische Reiseleiterin von 2001, Tamara, kam zu mir und hat mich reich beschenkt, was ich ihr übelgenommen habe. Sie ist auch nicht reich, ihr Mann arbeitet in der Zellstofffabrik, aber sie hat Arbeit als Deutschlehrerin. Ich habe versucht, alles gut zu machen.

Nun muß ich in Gedanken noch einmal zurück; denn als wir von Arnau nach Königsberg kamen, haben wir die obligatorische Stadtrundfahrt gemacht. Königsberg ist eine laute, lebendige Stadt geworden. Der Autoverkehr ist unbeschreiblich. Die Straßen, nur zum Teil saniert, haben keine Markierungen. Ampeln und Gehwege gibt es wenige. Die Russen schlängeln sich mit einer Sicherheit durch die Autos die uns erschreckt. Durch Gesten haben wir einem älteren Russen zu verstehen gegeben, dass wir über die Straße wollten.

Sehr freundlich hat er uns hinübergeleitet und für eine 1-Dollarnote küßte er mir die Hand. Nun zeigte uns Tanja die sehenswerten alten Stadttore und Bastionen. Im Friedländer Tor befindet sich ein kleines Museum, wir sahen das Königstor. Im Dohna-Turm befindet sich das interessante Bernsteinmuseum, auch der Wrangelturm ist in Sichtweite. Sehenswert ist auch die Universität mit dem Kantdenkmal davor.

 

28.04.2003 - Montag

Dieser Tag stand uns in Königsberg zur freien Verfügung. Jeder nutzte ihn auf seine Weise. Wir Frauen fuhren zu dem Bernsteingeschäft des Kombinats, welches auf dem Oberhaberberg ist. Man kauft da ohne zu handeln. Die Ware ist einwandfrei, aber sehr viel teurer geworden als vor 2 Jahren. Der Lasch-Bunker wurde von vielen unserer Mitreisenden besucht. Darin haben die Übergabeverhandlungen stattgefunden, und das Schicksal von Königsberg wurde besiegelt. Mit Evchen habe ich einen langen Spaziergang gemacht. Abends haben wir den Sekt getrunken, um ihn nicht tragen zu müssen.

 

29.04.2003 - Dienstag

Dieser Tag war für die Samlandfahrt vorgesehen. Nach dem reichhaltigen Frühstücksbufett fuhren wir in Richtung Pillau, durch Großheidekrug und Fischhausen. Die schweren Kämpfe im Samland haben überall ihre Spuren hinterlassen. Im Samland liegt die höchste Erhebung, der „Galtgarben“ mit 111 m.

In Pillau, heute Stützpunkt der russische Flotte, stehen noch einige Vorkriegsbauten, z.B. die ehemalige Garnisonkirche, die schwedische Zitadelle, Schinkels Leuchtturm, der „Goldene Anker“ u.v.m. Das Standbild Peters des Großen beherrscht das Hafengelände. Pillau ist für gewöhnliche Touristen immer noch gesperrt. Man kommt nur mit vorher beantragter Sondergenehmigung hinein. Bei den Hafenanlagen fällt auf, daß die verrosteten Schiffe nicht mehr zu sehen sind. Jetzt sieht man Kriegsschiffe mit grauem Anstrich, alles wirkt ordentlicher. Seit 1920 war Pillau Marinestadt.

In der Nähe des Strandes hat die Kriegsgräberfürsorge einen großen, weiträumigen Kriegsgräberfriedhof für die unendlich vielen Menschen, die dort den Tod fanden, angelegt. Es waren auch Tote der Wilhelm-Gustlow dabei, die der Sturm angeschwemmt hatte. Wie viel ungeklärte Schicksale, wie viel Blut und Tränen birgt dieser Boden. Man wird ganz still und denkt an die Toten der eigenen Familie.

Unsere Fahrt ging weiter nach Palmnicken. Wir wollten uns den Bernsteinabbau an­sehen. Leider mußten wir zurück; denn wir benötigten eine Genehmigung, die im Moment nicht zu bekommen war. Also fuhren wir zum Bernsteinmuseum, in welchem man wunderbare Arbeiten und Exponate beschauen kann. Viel interessanter für uns Frauen (aber auch die Herren waren nicht zu halten) war die kleine unscheinbare Bernsteinschleiferei. Es wurde sehr viel gekauft. So günstig konnte ich noch nie einkaufen. Den beiden Verkäufern, nicht mehr ganz jung, standen die Schweißperlen auf der Stirn.

Weiter ging es nach Rauschen, und weil es regnete, haben wir in einem Lokal, nahe am Strand, gutschmeckende Königsberger Klopse gegessen. Danach machten wir einen Strandbummel, kauften natürlich wieder Bernstein, weil er auch hier nicht zu teuer war.

Die Wasserträgerin von Brachert kennt man schon, ebenso die Sonnenuhr. Rauschen hat einen herrlichen Strand. Im Sommer tummeln sich unzählige Menschen, beinahe wie auf Mallorca. Am Spätnachmittag ging es zurück nach Königsberg. Der Abend war nicht so lustig wie sonst, wir dachten an die morgige Abreise und packten unsere Koffer.

Zu der gesamten Kaliningrader Exklave wäre vielleicht noch folgendes zu sagen: Das Kaliningrader Gebiet, eines der jüngsten und kleinsten in Rußland, das 1996 sein 50-jähriges Bestehen feierte, ist heute eine Exklave, grenzt an Polen, Litauen und hat Wassergrenze zu Dänemark und Schweden. Hier leben über 946.000 Einwohner, darunter fast die Hälfte im Gebietszentrum Kaliningrad. Die nationale Struktur des Gebietes ist seit langer Zeit stabil. Dominierend sind Russen mit ca. 78%, Weißrussen 8%,  Ukrainer 7% und Litauer 1,9%. Insgesamt wohnen im Gebiet die Vertreter von mehr als 80 Nationalitäten verschiedener Konfessionen.

 

30.04.2003 - Mittwoch

Abreisetag für die Seeleute!

Ab 7:00 Uhr konnten wir frühstücken. Pünktlich um 8:00 Uhr fuhr der Bus mit uns in Richtung Memel. Wir hofften, diesmal schneller über die russisch-litauische Grenze zu kommen. Es klappte vorzüglich mit der Abfertigung. So hatten wir reichlich Zeit für die Hohe Düne. Es ist schon ein erhabener Anblick. Man schaut aufs Kurische Haff und sieht hinter sich die Ostsee blinken. Die Landschaft wirkt wild und geheimnisvoll.

Das Thomas-Mann-Haus konnten wir nicht anfahren, weil wir schon um 13:00 Uhr im Hafen sein sollten. Die Fahrt nach Memel ging zügig, es klappte auch gut mit der Fähre von der Nehrung zum Festland. Um 12:30 Uhr waren wir schon im Hafen, aber von dem Schiff war noch nichts zu sehen. Nun ein großes Abschied nehmen von unseren Fluggästen. Sie sollten diese Nacht im »Hotel Klaipėda« verbringen und am nächsten Tag nach Hamburg fliegen.

Wir mussten uns in einer ungemütlichen Baracke, in der die Bauarbeiter tätig waren, die Zeit vertreiben. Um 15:00 Uhr durften wir dann zum Zoll und anschließend auf die Fähre. Es war dasselbe Schiff, dass uns hergebracht hatte. Wir bekamen wieder unsere Kabinen zugeteilt und richteten uns ein. Durch irgendeinen Fehler hatten wir eine Einzelkabine zu wenig. Man hatte für Herrn H. Stahl und Alfred die Kabinen zusammengelegt. Herr Stahl war so entgegenkommend und war auch mit einer Innenkabine zufrieden, und so konnte Alfred seine Kabine allein behalten. Ich war Herrn Stahl sehr dankbar; er war überhaupt einer der liebenswertesten Herren auf dem Schiff.

Um 18:13 Uhr legte das Schiff endlich ab, die Verladung der LKW’s hatte so lange gedauert. Der Kapitän kam durch die Gänge und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei.

Auf der Rückfahrt konnte man feststellen, daß wir eine richtige kleine Gemeinschaft waren, näher bekannt geworden durch die Stunden der Überfahrt. Eine sehr interessante Teilnehmerin war Frau Edelgard Asghari-Weiss. Allein ihr Pass war geheimnisvoll, und sie konnte wunderbar erzählen von all ihren Erlebnissen. Ihre Wurzeln liegen in Follendorf. Mit ihrer Tante bin ich zusammen konfirmiert worden. Diese weitgereiste Frau war die Bescheidenheit in Person, alle Achtung.

Abends tauschten wir Balgaer noch einmal unsere Gedanken aus, jeder war zufrieden. Elfriede konnte ihrer Tochter Petra die Heimat zeigen. Durch seinen Vater Emil konnte Udo seinem Hobby fröhnen und alles filmen und fotografieren. Fredi und Gerda sind alte Hasen - was Balga betrifft, Alfred wollte noch einmal zur Heimat, Bärbel war zum ersten Mal zu Hause, sie fand von ihrem Elternhaus ein Stückchen Grundmauer.

Nun noch unsere Flieger: Ellinor war lange krank, hat es aber geschafft, wieder mitzukommen. Evchen ist immer dabei. Edith mit ihrem Sohn hat Schweres in Balga und Heiligenbeil nach Kriegsende erlebt. Besonders zu erwähnen wäre, daß die beiden Söhne von Otto und Ursula Hornberger, Frank und Gert, mit ihren Hamburger Frauen die Heimat ihrer Eltern sehen wollten.

Der fröhliche Abend auf dem Schiff verging wie im Fluge. Wir hatten eine ruhige Nacht, merkten kaum, daß wir auf einem Schiff waren. Es gab noch einmal Frühstück, nachmittags schafften wir unser Gepäck zum Ausgang und pünktlich um 15:00 Uhr waren wir, wie angesagt, in Kiel. Wir hatten uns kaum verabschiedet, da wurden wir mit dem Shuttlebus zum Zoll­container gebracht. Die Abfertigung klappte reibungslos, und schon fuhren die ersten unserer Gruppe mit den bereitstehenden Taxen zum Bahnhof.

Für uns 9 Balgaer hatte ich schon im vor aus 2 Großraumtaxen bestellt, und es dauerte keine halbe Stunde, da waren wir bei mir zu Hause; denn ihre Wagen standen hier. Ich hatte aber vorgesorgt, und jeder konnte sich vor der Heimfahrt bei mir sattessen.

In uns allen war eine große Dankbarkeit, daß wir unbeschadet und gesund diese schöne, erlebnisreiche, aber sehr anstrengende Fahrt überstanden hatten. Die Heimat läßt uns nicht los; denn unsere Wurzeln bleiben dort.

Und seien es kahle Felsen und öde Inseln,
und wohne Arbeit und Mühe dort mit dir,
du mußt das Land ewig lieb haben,
denn du bist ein Mensch
und sollst nicht vergessen,
sondern behalten in deinem Herzen.

Ernst Moritz Arndt

Zurück