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Donnerstag, 21. September 2017

Flucht aus Ostpreußen im Winter 1945

Eva Droese

Kiel, 13.06.1999

Die politische Lage in den vergangenen Wochen und das Flüchtlingselend im Kosovo läßt uns wieder daran denken, wie es uns damals im Winter 1945 erging, als wir auch unter schrecklichen Verhältnissen unsere geliebte, seit Jahrhunderten angestammte Heimat Ostpreußen, verlassen mußten.

Wir wohnten in Balga, einem kleinen Dorf am Frischen Haff, Kreis Heiligenbeil. Um den Russen nicht in die Hände zu fallen, denn wir kannten die Greultaten von Nemmersdorf, versuchten wir über Königsberg mit einem der letzten Züge ins Reich zu kommen. Abertausende flüchtender Menschen waren auf dem Königsberger Hauptbahnhof. Wir konnten uns noch in einen Zug quetschen, aber nach einer Stunde Fahrt standen wir wieder auf unserer Bahnstation und erfuhren, daß Ostpreußen vom Reich abgeschnitten war. Wir gingen wieder nach Hause, ohne Hoffnung auf Rettung. Unser Dorf war vollgestopft mit Militär und Fahrzeugen. Ein Feldlazarett versorgte die Verwundeten von der nahen Front. Jeder nur mögliche Raum wurde benötigt. Die noch verbliebenen Dorfbewohner halfen mit Verwundete zu betreuen; sie brachten ihnen Betten und Wäsche, es mangelte an allem.

Mein Vater war Seemann, sein Schiff lag in Pillau, und er kam übers Eis des Frischen Haffs, um uns zu holen. Danach war durch eine Tauperiode das Eis nicht begehbar. Mein Vater blieb bei uns, bei meiner Mutter und mir. Wir bekamen ständig Räumungsbefehle und mußten uns entschließen zu gehen, denn das Haff war durch erneuten Frost wieder zu begehen. Ein befreundeter Bauer richtete einen Leiterwagen mit 3 Pferden ein, er schickte seine Tochter mit, und so sind wir und eine befreundete Familie mitgefahren. Wir waren 10 Personen, ich war jung verheiratet und hochschwanger.

Am Sonntag, dem 18. Februar 1945, fuhren wir spätabends und schweren Herzens aus unserem Dorf. Wir mußten von einem kleinen Ort über das Eis des Haffs, um auf die Nehrung zu kommen, weil nur da eine von Pionieren improvisierte Brücke über die Fahrrinne des Haffs führte. Wir durften auch wegen des Gewichtes nicht auf dem Wagen sein und gingen zu Fuß. Morgens erreichten wir erschöpft die Nehrung. Welch ein Anblick! Tote Pferde, verlassene Trecks, liegengelassenes Hab und Gut. Ein alter Mann war ausgesetzt worden, er lag inmitten roter Betten und schrie unaufhörlich. Wir konnten ihm auch nicht helfen; wir mußten doch auch weiter. In Richtung Pillau sahen wir nur Feuer, und da wollten wir weiter nach Danzig. Nachmittags mußten wir von der Nehrungsstraße, sie wurde für das Militär benötigt. Wir wurden auf das Eis geleitet, wo wir uns in den endlosen Zug der Treckwagen einreihten. Wir wußten gar nicht wie uns geschah, russische Flieger warfen ihre Bomben auf uns ab und beschossen uns mit Bordwaffen. Die russische Artillerie hatte sich auf die Treckstraße eingeschossen und riß große Löcher in das Eis. Wagen und Menschen versanken in den Fluten. Es war furchtbar. Die Flugzeuge hatten nur ein paar Bomben, aber hinterher der Bordbeschuß ließ uns zittern. Wenn wir dachten es hört auf, kamen sie schon wieder. So ging es die ganze Nacht. Ich sehe noch einen Pferdefuß aus dem Eisloch ragen, von dem Wagen war nichts mehr zu sehen! Meine Mutter warf sich bei jedem Beschuß über mich, um mich zu schützen und Vater ging mit der Bauerntochter die ganze Nacht vor dem Wagen her, um aufzupassen, daß wir nicht in ein von Bomben oder Granaten geschlagenes Loch fuhren. Vater wurde gegen Morgen von einem Granatsplitter über dem rechten Auge getroffen, ich habe ihn notdürftig verbunden, und wir mußten versuchen, an die Küste zu kommen, wo er richtig verbunden werden konnte. Es war morgens der 20. Februar als wir bei Kahlberg an Land gingen. Das Eis war am Ufer schon brüchig, aber irgendwie haben wir es geschafft und suchten im Wald Schutz wegen der ständigen Tieffliegerangriffe. Das Verbinden auf dem Verbandsplatz dauerte lange, und man hatte unseren Treck, auf dem sich auch meine Mutter befand, wieder aufs Eis geleitet. Ich mußte mit meinem Vater am Ufer zu Fuß weiter. Er war sehr erschöpft, denn er hatte zwei Nächte kein Auge zugetan, weil er auf unseren Wagen aufgepaßt hatte, dazu der Blutverlust. Selbst war ich auch sehr müde, denn  mein Zustand machte mir auch zu schaffen. Wir konnten vom Ufer sehen, wie die Treckwagen beschossen wurden und sorgten uns sehr. Endlich, nach einigen Kilometern, sahen wir unseren Treckwagen ans Ufer kommen. Es war wie ein Wunder, daß wir uns getroffen hatten, denn unterwegs wurden die Menschen auseinandergerissen und fanden sich nicht mehr. Glücklich fielen wir uns in die Arme; wir waren aus dem Schußbereich. Endlich machten wir Rast, und die Pferde mußten auch versorgt werden.

Es ging dann weiter in Richtung Danzig, langsam, Wagen an Wagen. In Bodenwinkel hätten wir gerne irgendwo übernachtet, ein Pferd hatte eine Kolik, aber man jagte uns weg, als wir um etwas Trinkwasser baten. Diese Menschen mußten kurz darauf auch fliehen! – So irrten wir immer weiter, bekamen manchmal eine warme Suppe auf den Trecksammelstellen. Im großen Werder bei Danzig waren die Menschen fast alle noch auf ihren Höfen, sie waren freundlich zu uns. Oft fiel auch bei den Wehrmachtseinheiten etwas Essen für uns ab. Wenn wir anderen von unserem Treck auch manchmal einen Raum zum Übernachten gefunden hatten, so haben meine Eltern die Nächte fast ausschließlich auf dem Wagen zugebracht, um auf die paar Habseligkeiten zu achten. Mutter hat ihre hohen Schuhe in den 4 Wochen kaum einmal ausziehen können, später haben wir sie ihr von den Füßen schneiden müssen. Meinem Vater waren die Füße angefroren, es war ja Winter und er konnte keine Schuhe anziehen. Von einer gefundenen rotkarierten Bettdecke hatte er sich, um gehen zu können, Opanken gewickelt. Diese Technik hatte er in Sibirien erlernt, wo er im 1. Weltkrieg 7 Jahre interniert war.

Am 22. 02.1945 näherten wir uns der Weichsel. Die Brücke war für uns gesperrt, und wir sollten mit Fähren übergesetzt werden. Die Treckstraße war derart verstopft, daß wir nur im Schritt fuhren oder standen. Es hat 3 Tage gedauert, bis wir am 25. Februar 1945 übergesetzt wurden. Wir befanden uns etwa 5 km südlich von Danzig und hätten gerne den Treckwagen abgegeben, aber es gab auch von hier keine Zugverbindung ins Reich. Wir waren alle erschöpft, aber wir mußten weiterziehen. Es war überall ein Chaos, Soldaten und Flüchtlinge, stehengelassene Trecks, Kinder, die unterwegs starben, wurden im Schnee begraben. Man hatte keine Kraft um nachzudenken, es trieb uns nur vorwärts. Wieder einmal wurden wir im polnischen Korridor zu einem Gehöft geschickt. Wir waren so dankbar einen großen, warmen Kanonenofen in dem mit Stroh ausgelegten Raum vorzufinden. Nachts kamen die Ratten unter den Schränken hervor und liefen ständig über uns rüber. Wir haben trotzdem geschlafen.

Am 03. März 1945 waren wir in Karthaus (polnischer Korridor) und trennten uns von dem Treckwagen, wir konnten alle nicht mehr. Bis zum 08.03.45 blieben wir dort und wohnten in einem verlassenen Haus, bis nachts wieder ein Räumungsbefehl kam. Wir schafften es noch in einen Zug zu kommen, niemand wußte wohin. Als der Zug kaum angefahren war, krachten Schüsse, russische Panzer waren durchgebrochen. Die Menschen in dem überladenen Zug fingen an zu schreien, jeder hatte Angst. Plötzlich setzte sich der Zug in Bewegung, fuhr wieder zurück, so kamen wir am 10. März 1945 in Gotenhafen an. Die Stadt hatte schon Beschuß von der nahen Front. Unsere ganze Hoffnung war ein Schiff. Am nächsten Tag, nachdem wir in dem Flur des Amtsgerichtes gelegen hatten, ging mein Vater zum Hafen und traf einen Bekannten, der Flakhelfer auf einem Schiff war. Er versprach, sofern wir etwas zu geben hätten, uns aufs Schiff zu schmuggeln. Glücklicherweise hatten wir von dem in meinem Elternhaus in Balga einquartierten Ortskommandanten Tabakwaren und Alkohol bekommen, mit dem Hinweis, die Waren könnten unter Umständen unser Leben retten. Er empfahl uns, diese Waren statt Kleidung mitzunehmen. Es war aus dem Bestand einer Kantine aus Lötzen. So war es dann auch, und wir kamen auf ein Schiff mit 2000 Verwundeten und 1100 Flüchtlingen. Es war die „Eberhard Essberger“. Die Zahlen habe ich dem Buch von Helmut Schön „Flucht über die Ostsee“ entnommen. Als das Schiff Verpflegung übernahm, bekam es Artillerietreffer. Es gab Tote und Verwundete. Die Verpflegungsübernahme wurde gestoppt und das Schiff ging auf Reede. Am 13. März 1945 gegen Abend ging das Schiff in See. Ein großer Geleitzug hatte sich gebildet. Es war glücklicherweise viel Nebel, aber unsere Angst war grenzenlos. Mein Vater hat immer gedacht wie könne er uns retten, wenn etwas passiert, obwohl die Schwimmwesten bereitlagen.

Wir hatten das große Glück, in einer Kabine des Maschinenpersonals zu wohnen, im Gegensatz zu den Tausenden, die in den Luken in Enge und Gestank lagen. Am 17. März 1945 landeten wir zu unserem Entsetzen in Kopenhagen. Einen Tag blieben wir auf dem Schiff. Am Sonntag, dem 18. kamen wir mit einem Zug nach Korsör zum Großen Belt, weiter mit der Fähre nach Nyborg, und von da mit einem Güterzug bis nach Agerstedt, Nordjütland. Es war der 20. März 1945, unsere Irrfahrt hatte vorerst ein Ende. Wir wurden von Wehrmachtsangehörigen in Empfang genommen und kamen zu ihnen in Notquartiere.

Mein Zustand hatte sich verschlechtert, ich lag mit Fieber und Röteln im Bett. Zu allem Unglück brach eine Frau über mir mit ihrem Bett durch und fiel auf mich rauf. Schließlich ging es mir aber wieder besser, und wir kamen in ein dänisches Privatquartier, meine Eltern, meine Tante und ich. Die Dänen hatten sich freiwillig gemeldet, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir durften allerdings nicht ihre sanitären Anlagen benutzen; man hatte uns einen roten(!) Schrank in den Garten gestellt, der uns bei Tag und Nacht und bei jedem Wetter als Toilette dienen mußte. Die dänische Familie war nicht unfreundlich, aber als am Tag nach der Kapitulation die Schreckensmeldungen aus den Konzentrationslagern bekannt wurden, gab man uns nichts mehr zu essen. Der Haß auf die Deutschen war groß. Wir fühlten uns nicht schuldig, wir wußten doch auch nicht, was alles geschehen war.

Kurz darauf wurden wir in ein ehemaliges Marine-Barackenlager transportiert, noch weiter nördlich, kurz vor Skagen. Im Lager befanden sich etwa 700 Flüchtlinge. Ein Stacheldrahtzaun grenzte uns von der Außenwelt ab. Der Transport auf dem LKW, wir mußten alle stehen, hatte meinem Zustand geschadet. Ich bekam Schmerzen und Wehen, und es kam nach 24 Stunden zu einer schweren Entbindung. Eine dänische Hebamme, die kein Wort deutsch verstand, und ein Heilpraktiker waren dabei, als mein Sohn am 22. Mai 1945 geboren wurde. Alle Angst und Not auf der Flucht hatte sich auf das Kind übertragen, es bekam Herzanfälle und starb nach einer Woche, am 30. Mai 1945. Da sehr viele Kinder, Säuglinge und Kleinkinder, im Lager starben, - ärztliche Hilfe wurde ihnen nicht zuteil -, legte man mehrere Kinder in ein Grab. Mein Sohn wurde zusammen mit 4 weiteren Kindern beerdigt. Sehr viel später durfte ich einmal im Monat, unter Begleitung eines bewaffneten Postens das Grab besuchen.

Ich war 2 Jahre interniert, meine Eltern 3 Jahre, und meine Tante mußte 4 Jahre dort bleiben. Über die Internierung habe ich einen gesonderten Bericht geschrieben. Ich hatte meinen Mann in Kiel gefunden und kam im Februar 1947 mit einem der ersten Transporte nach Deutschland. Der Anfang war schwer, aber wir bauten uns unser Leben wieder auf.

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