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Donnerstag, 23. März 2017

Internierung in Dänemark vom 17. März 1945 bis Februar 1947

Eva Droese

Kiel, 05.07.1999

Am 18. Februar 1945 bin ich mit meinen Eltern aus Balga, Kreis Heiligenbeil, geflüchtet. Wir fuhren mit einem Treck (10 Personen) über das zugefrorene Haff, mußten uns in die endlose Treckstraße einreihen und haben Tag und Nacht unter ständigem Artillerie- und Bordwaffenbeschuß auf dem Eis zugebracht. Hinzu kamen noch die regelmäßigen Bombenabwürfe. Ich war hochschwanger. Wir irrten 4 Wochen umher, bis wir in Gotenhafen auf ein Schiff kamen. Am 17. März  1945 landeten wir zu unserem Entsetzen in  Kopenhagen, Dänemark. Wir wurden erst  mit einem Schiff, dann mit Güterzügen nach Nordjütland gebracht und am 20. März 1945 von einer Wehrmachtseinheit in Agerstedt aufgenommen. Unsere Irrfahrt hatte vorerst ein Ende. Wir waren körperlich und nervlich so erschöpft, daß uns alles gleichgültig war. Ich lag mit Fieber und Röteln unten in einem doppelstöckigen Bett und die obere Bettnachbarin strampelte herum, brach durch und fiel auf meinen schweren Körper, aber es schien gut gegangen zu sein.

Einige Dänen boten gegen Entgelt den Flüchtlingen Privatquartiere an, und so kamen meine Tante, meine Eltern und ich zu einer dänischen Familie. Wir vier Personen bewohnten einen Raum. Die sanitären Anlagen durften wir allerdings nicht benutzen. Man hatte für uns einen alten roten Kleiderschrank im Garten aufgestellt, der uns bei jedem Wetter, Tag und Nacht als Toilette dienen mußte. Die Entsorgung hat mein Vater geregelt.

Die dänische Familie war zu dem Zeitpunkt nicht unfreundlich zu uns, aber als am Tag nach der Kapitulation die  Schreckensmeldungen aus den Konzentrations­lagern bekannt wurden, hat man uns nichts mehr zu essen gegeben. Der Haß auf die Deutschen war so groß, aber wir fühlten uns nicht schuldig, wußten wir doch selbst nicht, was alles geschehen war.

Kurz darauf wurden wir in ein ehemaliges Marine-Barackenlager transportiert, noch weiter nördlich nach Söraa, kurz vor Skagen. Im Lager befanden sich etwa 700 Flüchtlinge. Ein Stacheldrahtzaun und bewaffnete Bewachung grenzten uns von der Außenwelt ab.

Der Transport auf dem LKW hatte meinem Zustand geschadet, ich bekam Schmerzen und Wehen und es kam, 24 Stunden nachdem wir in das Lager gekommen waren, zu einer schweren Entbindung. Eine dänische Hebamme, die man wirklich geholt hatte, und ein Heilpraktiker aus dem Lager, versuchten mir bei der Geburt meines Sohnes zu helfen. Es war eine Steißgeburt. Ich habe bleibende Schäden davon getragen. Der dänische Lagerleiter schlug sich ständig seine Reitpeitsche auf die Stiefel, als er das erste im Lager geborene Kind besichtigen kam. Leider hatte sich alle Angst und Not der Flucht auf das Kind übertragen, es bekam Herzanfälle und starb nach einer Woche. Wir waren sehr traurig. In der ersten Zeit starben täglich Säuglinge und Kleinkinder, sie hatten Ernährungs­störungen und Brechdurchfälle, aber es gab keine ärztliche Hilfe, man hatte den Ärzten untersagt, Deutsche zu behandeln. Die wenigen Männer im Lager versuchten mit Brettern kleine Kisten zu machen, und man legte mehrere Kinder in ein Grab.

In dem Grab meines Jungen lagen noch 4 weitere Kinder. Sehr viel später durfte ich einmal im Monat, unter bewaffneter Begleitung, das Grab besuchen und pflegen. Heimlich steckte mir manchmal der Friedhofsgärtner ein paar Pflanzen zu. Die Kindergräber wurden von den Dänen nicht gelitten, und man  bettete die Kinder später auf Kriegsgräberfriedhöfe um, wo auch mein kleiner Junge in Gedhus ein gepflegtes Grab bekommen hat.

Das Lagerleben nahm uns Flüchtlinge auf. Wir mußten für Ordnung sorgen. Es entstand unter dänischer Leitung eine Verwaltung. Es gab eine Lagerküche, in der wir abwechselnd gearbeitet haben, um unsere Essensration für Deutschland einzuschmelzen. Die Verpflegung war, zumindest für uns Frauen ausreichend, zumal wir keine körperliche Arbeit leisten mußten. Die Männer, ich denke dabei an meinen damals 50-jährigen Vater, (Er war nur bei uns, weil er auf dem Haff verwundet worden war.) wurden nicht immer satt. Wenn man behördlicherseits auch genügend veranschlagt hatte, so war es doch viel weniger, wenn es ins Lager kam. Die Pferdezähne schwammen oft im Eintopfessen.

 

Im ersten Jahr hatten wir keine Postverbindung, durften aber, sofern wir eine Anschrift in Deutschland kannten, 25 Worte übers Rote Kreuz schreiben. Es war nicht leicht 1 Jahr mit allen traurigen Ereignissen in 25 Worte zu fassen.

Mein Vater versorgte die Bewohner einer Baracke mit Kaltverpflegung, welches in der Lagerküche gerichtet wurde und wir hatten das Glück mit 4 Personen ein kleines Zimmer zu bewohnen. Die Regel waren 16 bis 20 Personen. Das Lager war sehr klein, es lag dicht an der Straße, so daß sich manchmal Konfrontationen mit Dänen ergaben. Wir wurden bespuckt oder deutsches Schwein genannt. Es gab aber auch deutschfreundliche Dänen und manchmal flog eine Tube Zahnpasta über den Zaun. Unsere Versorgung war in jeder Hinsicht katastrophal. Wir bekamen anfangs gar nichts. Keine Seife, kein Papier, wir wären schon mit etwas Zeitungspapier zufrieden gewesen. An Zahnpasta war nicht zu denken. Wir jungen Frauen hatten auch unsere Probleme. Sehr viel später gab es ein Stückchen graue Sandseife. Zu erwähnen wäre vielleicht noch, daß für unsere Notdurft ein Toilettenhaus mit 10 Plätzen vorhanden war, aber ohne Türen! Es kostete immer eine Überwindung auf diese offenen Sitze zu gehen.

Wir wurden Tag und Nacht streng bewacht. Der Versuch, nachts durch den Stacheldrahtzaun zu deutschfreundlichen Dänen zu kriechen, um durch Tausch unsere Verpflegung aufzubessern, mißlang. Wir waren 3 Frauen und mußten uns 2-stündlich Tag und Nacht auf der Wache melden. Nach 2 Tagen waren wir so erschöpft, weil wir nicht schlafen konnten, daß man uns gnädig die Strafe erließ.

Wir hatten einen deutschen Arzt (auch Flüchtling) im Lager, der einen kleinen Medikamentenvorrat hatte. Bei schwerer Erkrankung wurde man zu einem ehemaligen deutschen Feldlazarett nach Frederikshavn gebracht, welches man verpflichtet hatte, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Selbst mußte ich wegen eines akuten Augenleidens mit dem Bus nach Aalborg fahren, aber ich durfte mich nicht! Setzen!

Um 22.00 Uhr mußten in den Baracken alle Lampen gelöscht werden. Als eines Nachts ein Kind erkrankte und im Flur das Licht angeknipst wurde, schoß die dänische Bewachung in den Gang der Baracke. Glücklicherweise wurde niemand getroffen.

Nach einem Jahr wurde unser kleines Lager geschlossen. Wir kamen in das Lager Knivholt nach Frederikshavn. Hier lebten etwa 5000 Flüchtlinge. Wir lebten wieder mit 16 Personen in einem Raum. Unsere Betten hatten wir mit Decken verhängt, um das Gefühl zu haben, auch mal alleine zu sein. Es war der Winter 1946/47. Warmes Wasser kannten wir nicht, Seife so gut wie gar nicht; unsere Hände waren steif vor Kälte und auch nicht mehr sehr sauber. Zum Heizen hatten wir kein Holz, es gab nassen Torf, der nicht brannte. Manchmal bekamen wir einen rohen  Fisch zugeteilt, und um ihn auf dem Ofen braten zu können, entfernten wir immer mehr Bretter aus den Betten, bis ab und an jemand durchbrach.

Im Lager Knivholt hatte sich für uns die Lage etwas verbessert. Wir erhielten manchmal einige Blätter Toilettenpapier, auch an die jungen Frauen dachte man. Manchmal gab es eine kleine Zuckerzuteilung, auch durften wir im Monat 2 Briefe nach Deutschland schreiben. Mein Mann lebte in Kiel und das Heimweh war groß. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Glücklicherweise konnte mich mein Mann von Kiel aus anfordern, und ich kam nach 2 Jahren mit einem der ersten Transporte nach Deutschland. Im Gepäck hatte ich getrocknetes Brot und eingeschmolzene Margarine, auch etwas Käse. Es war meine Ration, die ich mir eingespart hatte, wenn ich Küchenarbeit machte.

Meine Eltern mußten 3 Jahre im Lager verbringen, wenn man bedenkt, gestohlene Jahre, denn mein Vater war bereits im 1. Weltkrieg 7 Jahre in Sibirien interniert. Meine Tante, mit der wir zusammen waren, mußte 4 Jahre warten, bis sie nach Deutschland konnte.

Wie ich schon erwähnte, die Dänen mochten die Deutschen nicht, es hing wohl hauptsächlich mit der Besetzung zusammen. Soweit ich gesehen habe, waren die Lebensmittel nicht rationiert, es gab Butter und Sahne in Hülle und Fülle.

Natürlich hatten sich auch zur Zeit der Besetzung dänische Frauen mit unseren Soldaten verbandelt, was nach der Kapitulation schlimme Folgen hatte. Die dänischen Freiheitskämpfer zerrten die Frauen aus den Häusern und schnitten ihnen die Haare ab. Sie wurden ausgestoßen und beschimpft.

Ich habe Dänemark nicht in bester Erinnerung, und ich will meine Erlebnisse nicht verallgemeinern. Es hat sicher auch bessere Internierungslager gegeben, und vielleicht war das kleine Dänemark mit dem Zustrom der vielen Flüchtlinge überfordert.

Im Februar 1947 bin ich zu meinem Mann nach Kiel gekommen. Wir waren dankbar, wieder vereint zu sein. Der Neuanfang war schwer, aber irgendwie ging es weiter. Im Jahre 1948 wurde uns zur großen Freude wieder ein Sohn geboren.

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