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Donnerstag, 23. März 2017

Wie die Rote Armee Ostpreußen überrollte

Im Januar 1945 begann der sowjetische Großangriff, der das Schicksal der deutschen Provinz besiegelte
Ein Beitrag von Heinz Magenheimer

Im Spätherbst 1944 stand Ostpreußen nach der Abwehr der ersten sowjetischen Offensive vor einer noch ärgeren Bedrohung. Zwar war es den deutschen Truppen noch einmal gelungen, eine fest gefügte Front zwischen der Memel im Norden und der Mündung des Narew in die Weichsel zu errichten, doch alle Anzeichen deuteten auf einen Großangriff hin, der das Schicksal Ostpreußens dann auch tatsächlich besiegelte.

Im Laufe des Dezembers wurde den deutschen Führungsstellen bewusst, dass das sowjetische Oberkommando riesige Truppenmassen, darunter fünf Panzerarmeen und zahlreiche Panzerkorps, bereitstellte, um die gesamte Ostfront zwischen der Ostsee und den Karpaten zu zertrümmern. Wenn auch Führung und Truppe, unterstützt durch die örtliche Bevölkerung, große Anstrengungen unternahmen, um zahlreiche Stellungslinien anzulegen, hing viel davon ab, über welche Reserven man verfügte. Deutlich zeichnete sich der sowjetische Plan ab, mit der 2. Weißrussischen Front unter Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski die 2. Armee am Narew zu durchbrechen, hierauf nach Nordwesten über Elbing zur Danziger Bucht vorzudringen und so ganz Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet abzuschneiden. Gleichzeitig sollte eine zweite Kräftegruppe die 3. Panzerarmee, die den Nordteil Ostpreußens deckte, aufspalten und auf Königsberg vorrücken.

Die Heeresgruppe Nord unter Generaloberst Georg-Hans Reinhardt, zu der die 2. und 4. Armee sowie die 3. Panzerarmee zählte, war bemüht, nicht nur militärische Vorbereitungen zu treffen, sondern auch die Parteistellen für eine weitgehende Evakuierung Ostpreußens, wo südlich der Memel über 2,14 Millionen Menschen lebten, zu gewinnen. Der Umstand, dass sich die Parteiführung wesentliche Kompetenzen, beispielsweise beim Einsatz des Volkssturmes, anmaßte, verhinderte eine einheitliche Führung für Front und Hinterland. Gerade dies wäre in Zeiten außergewöhnlicher Bedrohung unbedingt erforderlich gewesen. So musste sich die militärische Führung mit einer schmalen Zone hinter der Front begnügen, ohne die Tiefe des Raumes nützen zu können.

Wäre es nach General Friedrich Hossbach gegangen, der die 4. Armee führte, so hätte man den größten Teil der Bevölkerung evakuiert, um auch die Truppe davor zu bewahren, während des Kampfes den Flüchtlingen in die Quere zu kommen. Was der Bevölkerung an Schrecklichem drohte, hatten die Gräueltaten von Nemmersdorf vor Augen geführt. Doch Gauleiter Erich Koch lehnte eine Räumung strikt ab und begründete dies mit der Bewahrung der Wehrmoral. Es ergingen keine entsprechenden Richtlinien. Nur die Räumung einer 30 Kilometer tiefen Zone wurde erlaubt. Noch am 11. Januar 1945 tönte es aus Königsberg: „Ostpreußen wird gehalten, eine Räumung kommt nicht in Frage!“ In Anbetracht des ungünstigen Frontverlaufs am Narew bei Lomscha plädierte Hossbach für eine Rücknahme der Front auf die kürzere Linie entlang der Seenkette beiderseits von Lötzen bis zum Kurischen Haff bei Labiau.

Noch Anfang November hatte die Heeresgruppe hinter ihrer 560 Kilometer langen Front über neun Panzerdivisionen als Reserven verfügt, musste aber dann auf Befehl der obersten Führung laufend Verbände abgeben, die zugunsten der Ardennenoffensive und zur Verteidigung Ungarns verwendet wurden. Die am 16. Dezember beginnende letzte deutsche Großoffensive band wertvolle Kräfte, die vier Wochen später im Osten bitter fehlen sollten. Nach der Einschließung Budapests am 25. Dezember musste die Heeresgruppe Mitte sogar das kampfkräftige IV. SS-Panzerkorps abgeben, das den Entsatzangriff führen sollte. So kam es, dass Ende 1944 bereits zehn Panzerdivisionen in Ungarn standen, während die Hauptfront nach Verstärkung rief.

Da Adolf Hitler auch die mehrmals beantragte Räumung des Kurland-Brückenkopfes ablehnte, blieben die dort stehenden beiden Armeen im „strategischen Abseits“. Ebenso wenig wurde der 4. Armee gestattet, ihre Front zu begradigen, eine Maßnahme, die Reserven freigemacht hätte. Die in der Front der Heeresgruppe Mitte eingesetzten 34 Divisionen hatten zwar taktische Schwerpunkte gebildet, doch man wusste, welche Folgen ein ent­schei­den­der Durchbruch des Gegners hätte. Generalstabschef Heinz Guderian bemühte sich, bei Hitler einen Abbruch der Ardennenoffensive und die Räumung des Kurland-Brückenkopfes zu erreichen. Noch in der Silvesternacht 1944 forderte er heftig, alle greifbaren Kräfte nach Osten zu werfen. Doch Hitler und seine Berater lehnten ab, da sie die Initiative im Westen nicht aus der Hand geben wollten.

So sahen also Truppe und Zivilbevölkerung in Ostpreußen mit Bangen dem sowjetischen Großangriff entgegen. Das Weihnachtsfest konnte zwar noch ungestört gefeiert werden, doch die Ruhe war mehr als trügerisch. Die Führung wusste, dass der Gegner, der den Aufmarsch abgeschlossen hatte, nur den Zeitpunkt abwartete, bis der Frost die Bewegungen erleichtern würde. Dann würden nämlich die Flüsse und zahlreichen Seen zufrieren, die bisher als Hindernisse gedient hatten. Was man nicht wusste, war, dass die Westalliierten, die unter dem Schock der Ardennenoffensive standen, Stalin drängten, seinen Großangriff baldigst zu eröffnen.

Als der Gegner am 12. Januar mit gewaltiger Überlegenheit aus dem Weichsel-Brückenkopf Baranow gegen die Heeresgruppe A antrat und deren Front auf Anhieb durchbrach, waren die Verteidiger Ostpreußens alarmiert. Da an diesem Tag ein Überläufer verriet, dass der Angriff am nächsten Tag beginnen würde, konnte die vorbereitete „Großkampfstellung“, die zwei bis drei Kilometer hinter der vordersten Linie verlief, reibungslos bezogen werden; diese Maßnahme sollte das gegnerischen Vernichtungsfeuer möglichst um seine Wirkung bringen und eine nachhaltige Verteidigung ermöglichen. Noch in der Nacht schoss die deutsche Artillerie Gegenfeuer zur Störung der Bereitstellung.

Als der Gegner tags darauf nach dreistündigem Trommelfeuer mit fünf Armeen im Raum zwischen Schlossberg/Pillkallen und der Rominter Heide zum Angriff antrat, konnten die Verteidiger an fast allen Stellen den Gegner unter großen sowjetischen Verlusten zurück­werfen. Artillerie, Nebelwerfer und Flak-Kampftrupps unterstützten wirkungsvoll den Abwehrkampf, zahlreiche Panzer lagen rauchend auf dem Gefechtsfeld. Auch Jagdbomber und Jäger griffen erfolgreich in die Schlacht ein. Die Truppe focht so verbissen, dass der Gegner nicht vorankam.

Nach sechstägiger zermürbender Abwehrschlacht hatte sich die 3. Panzerarmee unter Einsatz aller Reserven bei nur geringen Geländeverlusten behaupten können. Beide Seiten hatten schwere Verluste erlitten. Doch am 19. Januar warf der Gegner seine beiden Panzerkorps in die Schlacht, die bei Breitenstein den Durchbruch erzwangen, die Memelverteidigung bei Tilsit aufrollten und die 3. Panzerarmee nach Westen zurückwarfen. Die aufgesplitterten Verteidiger konnten den sowjetischen Vormarsch nur noch verzögern. Am 25. Januar überwanden die Angreifer die letzte Sperrstellung an der Deime und kamen erst kurz vor Königsberg zum Stehen.

Noch dramatischer verlief die Schlacht im Abschnitt der 2. Armee. Rokossowski hatte in den beiden Narew-Brückenköpfen bei Serock und Rózan fünf Armeen konzentriert und hielt die starke 5. Gardepanzerarmee als Reserve zurück. Auch in diesem Abschnitt konnte in der Nacht vor dem Angriff die Großkampfstellung bezogen werden. Doch als am 14. Januar das Vernichtungsfeuer einsetzte, kam auch diese Stellung ins Wanken. Wenn dichter Nebel auch die sowjetischen Luftstreitkräfte am Start hinderte, so erleichterte er den Einbruch in die vorderen Stellungen. Trotz des Einsatzes örtlicher Reserven wurde die taktische Verteidigungszone mehrfach durchbrochen. Währenddessen stand die 4. Armee noch immer in ihrem vorgewölbtem Bogen zwischen Augustow und Lomscha, durfte aber nicht auf die Seenkette bei Lötzen ausweichen.

In der Nacht zum 15. Januar erfolgte ein Eingriff des Führerhauptquartiers, der die Chancen auf einen Abwehrerfolg auf Null reduzierte: Da sich bei der Heeresgruppe A eine Katastrophe abzeichnete, musste das Panzerkorps „Großdeutschland“, das die letzte Reserve hinter der 2. Armee bildete, herausgezogen und in den Raum südlich von Warschau verlegt werden. Vergeblich hatten Guderian und Reinhardt gewarnt, dass diese Maßnahme zu spät käme, um die Heeresgruppe A zu stützen, dass aber damit die 2. Armee wesentlich geschwächt würde.

Die schwer angeschlagenen Verbände weichen in vorbereitete Auffangstellungen zurück, doch schon am 16. Januar, als der Gegner drei Panzerkorps einsetzt, droht die Front zu zerreißen. Obwohl die Heeresgruppe alle ihre Reserven heranzieht, gelingt den Angreifern am 17. Januar der operative Durchbruch beiderseits von Ciechanów (Zichenau), die 2. Armee wird in zwei Teile gespalten, und nun setzt Rokossowski seine Hauptreserve, die 5. Garde-Panzerarmee, zum Entscheidungsstoß in Richtung Danziger Bucht ein.

Der Gegner dringt rasch vor, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. In wenigen Tagen steht er tief in Ostpreußen. Neidenburg, Deutsch-Eylau, Mohrungen, Osterode und Alleinstein gehen verloren. Am 23. Januar unterbrechen die sowjetischen Panzerspitzen die Bahnlinie Elbing–Königsberg, und am 26. Januar erreichen sie Tolkemit am Frischen Haff. Damit ist Ostpreußen zu Lande vom übrigen Reichsgebiet abgetrennt. Nur im äußersten Westen halten noch einige Verbände der Brückenköpfe an der Weichsel bei Kulm, Graudenz und Marienwerder, die bald eingedrückt werden. Der Gegner unternimmt eine weite Umfassung, um die Weichselstellung von Süden her aufzurollen. Nur Marienburg und Elbing können sich halten und bilden die letzte Hoffnung für eine Wiederherstellung der Verbindung. Am 22. Januar wird der Seebrückenkopf Memel aufgegeben, um die dortigen Truppen für die Verteidigung des Samlands heranzuziehen.

Nun sieht sich die Heeresgruppe Mitte, die am 25. Januar in „Heeresgruppe Nord“ umbenannt wird, in Ostpreußen eingeschlossen. Jetzt erst, am 21. Januar, als die Hälfte des Landes bereits vom Gegner erobert ist, genehmigt Hitler den Rückzug der 4. Armee auf die Seenkette bei Lötzen und in die Masuren-Kanal-Stellung. In Gewaltmärschen müssen die Truppen zurückweichen, und gleichzeitig werden zwei Armeekorps ausgeschieden, um die großen Lücken im Rücken der Armee zu schließen. Nach den Planungen von General Hossbach sollen drei Divisionen einen Gegenangriff bei Wormditt vorbereiten und nach Elbing vorstoßen, das tapfer verteidigt wird, um damit der gesamten 4. Armee mit 300000 Mann und den Resten der 3. Panzerarmee den Rückzug aus Ostpreußen zu ermöglichen.

Hinter diesem gewagten Plan stand die Einsicht, dass Ostpreußen nicht mehr zu halten war. Bis zum 26. Januar, dem Angriffstag, zeichnete sich ein riesiger „Sack“ mit dem Zentrum Bartenstein ab, in dem sich die eingeschlossenen beiden Armeen mit Hunderttausenden von zusammengedrängten Flüchtlingen befanden. Hossbach wollte sowohl die Soldaten als auch die Zivilbevölkerung durch Rückzug über die Weichsel retten. Er dachte zwar richtig im militärischen Sinn, verkannte aber die enormen Schwierigkeiten, Hunderttausende von verängstigen Frauen, Kindern und alten Männern bei Temperaturen von -20 Grad auf verschneiten Wegen geordnet unter Feinddruck über die Weichsel zu bringen. Er verkannte auch, dass die Zeit für diese Maßnahme sehr kurz bemessen war und dass die Parteiführung dafür keinerlei Vorbereitungen getroffen hatte. An vielen Stellen erhielten nämlich die Bürgermeister den Räumungsbefehl zur gleichen Zeit wie die Truppen den Rück­zugsbefehl. Generaloberst Reinhardt billigte zwar den Ausbruch nach Westen, erwog jedoch die Alternative, eine Ringstellung rund um Königsberg zu halten. Damit verstießen Reinhardt und Hossbach gegen den ausdrück­lichen Befehl Hitlers, der jeden weiteren Rückzug untersagt hatte.

Da die Seenstellung bei Lötzen verloren ging und dem Angreifer gefährliche Vorstöße gelangen, die auf eine Abschnürung der 4. Armee zielten, befahl Reinhardt am 26. Januar ein Absetzen auf die Alle-Stellung. Daraufhin wurde er noch am selben Abend seiner Funktion enthoben und durch Generaloberst Lothar Rendulic ersetzt. Offenbar hatte Hitler bereits zuvor Kenntnis von der Absicht erhalten, das restliche Ostpreußen zu räumen, und dies als grobe Eigenmächtigkeit betrachtet. Hossbach traf das gleiche Schicksal. Nachdem der anfangs zügig verlaufende Angriff von Wormditt aus tiefe Einbrücke erzielt hatte und auch einigen Gruppen der Durchbruch bis Elbing gelungen war, zwangen Gegenangriffe zum Rückzug. Da traf am 30. Januar abends der Befehl zur Ablösung Hossbachs ein.

An der Ablösung der beiden Generale lässt sich ein grundsätzlicher Gegensatz erkennen. Während diese eine vollständige Aufgabe Ostpreußens vorhatten, ging es Hitler und Guderian darum, das noch feindfreie Gebiet unbedingt zu halten, um die Bevölkerung vor dem Zugriff der Sowjets zu bewahren.

Bis Kriegsende brachte die Marine über zwei Millionen Menschen über die Ostsee in Sicherheit. Die Wehrmacht setzte ihren Widerstand zu Lande und zur See bis zum 26. April fort, als man zuletzt Pillau aufgeben musste. Doch das Schicksal Ostpreußens war längst besiegelt, und fast 300.000 Einwohner fielen den Härten der Flucht oder den Drangsalen der Sieger zum Opfer.

 

Quelle: Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 01/10, 09.01.2010

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