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Donnerstag, 29. Juni 2017

Das Kirchspiel Balga

von Eva Droese

Unser schönes Dorf Balga wurde 1939 als Musterdorf ausgezeichnet. Balga war der Mittelpunkt aller umliegenden, zum Kirchspiel gehörenden Ortschaften. Dazu gehörten:

Groß Hoppenbruch, mit den Gütern Rensegut, Ritterthal und Romansgut, sowie
Follendorf
Kahlholz
Wolitta


Groß Hoppenbruch

Die Bewohner arbeiteten überwiegend in der Landwirtschaft, denn mehrere Bauern hatten dort ihre großen Anwesen, dazu gehörte auch der Schrangenberg, von der Familie Kahlfeld bewirtschaftet. Es gab eine zweiklassige Volksschule und 1939 zählte man 299 Einwohner. Die Bedeutung des Ortes aber war durch die wichtige Zugverbindung Berlin – Königsberg  - Eydtkuhnen gegeben. Zum Einzugsbereich der Bahnstation an der D-Züge und Schnellzüge nicht halten durften, gehörten 4 Dörfer und mehrere Güter. Auf dem Bahnhof war, besonders morgens und abends, reger Betrieb, denn wer nicht in der Landwirtschaft oder sonstwo tätig war, fuhr nach Heiligenbeil zur Arbeit. Auch Schüler, die weiterführende Schulen besuchten, benutzten die Zugverbindung, z.B. Heiligenbeil, Braunsberg oder Königsberg. Sehr  fröhlich ging es im Sommer an den Sonntagen auf dem Bahnhof zu. Viele Ausflügler und Badegäste, hauptsächlich aus Königsberg, kamen nach Balga. Sie wurden mit Pferdewagen abgeholt. Vor Kriegsausbruch bestand eine regelmäßige Busverbindung von Balga nach Groß Hoppenbruch. Eine Fahrt kostete 50 Pfennige, aber nicht jeder leistete sich diesen Luxus und ging die 5 km zu Fuß. Sogar Betriebsfeste Königsberger Firmen wurden in Balga gefeiert, auch sie kamen mit der Eisenbahn.

Der Kirchgang am Sonntag  gehörte zu dem üblichen Ritual und die Gutsbesitzer und Bauern kamen mit ihren Landauern nach Balga gefahren. Die Wagen wurden dann bei den Gasthöfen Pultke oder Schröder untergestellt.

Sehr feierlich wurde der Heldengedenktag (heute Volkstrauertag) begangen. Der Gedenkstein für die Gefallenen des 1. Weltkrieges stand nahe bei der Kirche. Nach Beendigung  des Gottesdienstes versammelte sich die Gemeinde und die feierliche Kranzniederlegung wurde gewöhnlich von dem Gutsbesitzer Herrn Moritz (Rensegut), der in seiner Offiziersuniform mit der Pickelhaube einen großen Eindruck machte, vollzogen.

Nach dem Gottesdienst gehörte gewöhnlich der Kirchenschnaps dazu und wenn es eine längere Sitzung wurde, konnte man sich auf die Pferde verlassen, sie kannten den Weg genau.
 

Follendorf

Von der schönen, mit Birken bewachsenen Straße nach Balga, führte nicht weit von Groß Hoppenbruch auf der linken Seite ein Fahrweg nach Follendorf. Es war ein kleines gemütliches Dörfchen, nahe am Haff gelegen und es hatte keine Steilküste wie Balga. Bauern, Fischer und Seeleute waren dort überwiegend ansässig. Obwohl man 1939 nur 124 Einwohner zählte, gab es eine Schule. Das wichtigste Haus im Dorf aber, war der kleine Dorfladen von Frau Bertha Wohlgethan, von allen Einwohnern liebevoll Tante Bertha genannt. Hier konnte man alle gebräuchlichen Lebensmittel  und andere Waren erwerben.

Der Kirchgang nach Balga war für die Fußgänger beschwerlich. Hatte man das Mühlenfließ überquert, kam man am Glockenberg vorbei zum sandigen Weg der Schweineweide. So nannte man diese kleinen, sandigen Felder, die überwiegend Kleinkätnern aus Balga gehörten. Die Bauern benutzten den etwas weiteren Fahrweg über die Straße. Interessant ist es zu erfahren, daß Follendorf bis 1945  noch nicht mit elektrischem Strom versorgt war.

 
Kahlholz

Das kleine verträumte Dörfchen Kahlholz lag auf der äußersten Spitze unserer Halbinsel, dem sogenannten „Kahlholzer Haken“. Von hier hatte man einen Rundblick von erstaunlicher Größe und Weite. Die Steilküste fiel steil in die Tiefe und die Wassermassen höhlten im Lauf der Zeit die Küste aus, so daß tiefe Löcher in der Lehmwand waren. Auf dieser schmalen Steilküstenkante befand sich der sogenannte Kirchensteig, es war der kürzeste Weg zur Kirche, etwa 2½ km. Das Dorf lag nahe am Haff und die Uferbefestigungen wurden durch die schweren Früjahrs- und Herbststürme immer wieder beschädigt. 1939 zählte das Dorf 240 Einwohner und es waren, wie auch in den anderen Dörfern, u.a. Bauern, Fischer und Seefahrer dort ansässig. Die Kahlholzer waren eifrige Kirchgänger, die Bauern im gesamten „Kirchspiel“ hatten in der Kirche ihr eigenes Gestühl, sowie für den Gutsbesitzer von Glasow eine eigene Empore, man nannte sie Chor, eingerichtet war. In Kahlholz gab es eine Schule, auch ein Gasthaus, und 1938/39 baute man eine breite Straße von Kahlholz nach Balga, trotzdem wurde der Kirchensteig viel genutzt.

Es soll vorgekommen sein, daß manch ein Fußgänger oder Radfahrer, dem der Kirchenschnaps  besonders  geschmeckt hatte, der schmale Steig zum Verhängnis wurde und er sich plötzlich am Strand wiederfand.

 
Wolitta

Wolitta war unser kleinstes und weit entferntes Kirchdorf. 1939 wohnten nur 94 Menschen im Dorf und es bestanden 20 landwirtschaftliche Betriebe. 8 Fischer gingen dort ihrer Arbeit nach. Im Jahre 1864 baute man dort ein Wasserhebewerk um die Überschwemmungen zu beseitigen und die schlechten Wiesen befahrbar und ertragreicher zu machen. Auf den angelandeten Flächen vor der Küste wuchs eine Menge Schilfrohr. Das Rohr wurde geerntet und zum Dachdecken in den umliegenden Dörfern verkauft. 1929 wurde eine Rohrweberei eingerichtet und die Erzeugnisse wurden als Gipsrohr von den Baustoffhändlern erworben.

Einen guten Ruf hatte der Wolittaer Kohl, er wurde in Mengen angebaut, war sehr feinrippig und schmackhaft und wurde auf den Märkten in Heiligenbeil, Zinten und Braunsberg abgesetzt, auch mit der Eisenbahn verladen. Wolitta lag nahe der Bahnstation Wolittnick. Selbst in diesem kleinen Ort gab es eine Schule.

Noch eine kleine Episode am Rande. Der Balgaer Gendarm, auch für Wolitta zuständig, war ein sehr humaner Polizeibeamter, der selten einen Strafzettel ausschrieb, aber trotzdem einen gewisssen Nachweis erbringen sollte. Seine Rettung waren dann die Wolittaer Bauern, die ihre Heuschober zu dicht an ihre Häuser bauten. Sie bekamen ihre Strafzettel und mußten fünf Reichsmark berappen.

Nach dem wir uns bisher mit unseren Kirchdörfern etwas befasst haben, wollen wir endlich zu dem sonntäglichen Gottesdienst in unserer Kirche kommen. Die uns so vertrauten Glocken, die damals per Hand von unserem Küster und Luis Höflich gezogen wurden, luden zum Kirchgang ein. Kaum war der letzte Glockenton verklungen, marschierte Luis Höflich mit strammen Schritten vom vorderen zum hinteren Kirchenteil, natürlich von allen Augen begleitet und stieg hörbar die Treppe hoch. Dann ertönten ein paar Quitschtöne des angetretenen Blasebalgs und erst dann, nach dieser sich immer wiederkehrenden Zeremonie, konnte der Kantor in die Tasten der Orgel greifen und der Gottesdienst begann. Man könnte meinen, daß selbst der alte, große von der Decke schwebende Taufengel Luis Höflich nachsah.

 

 

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